Projektbeschreibung


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Liebe Schülerinnen und Schüler, sehr geehrte Eltern,

sechs Jahre nach den gelungenen "Streifzügen durch das Mittelalter“ wagen wir endlich wieder ein gemeinsames Projekt für die gesamte Schule. Schon während der Mittelalter-Woche im Juli 2002 war der Enthusiasmus riesig und die Schlussfolgerung eindeutig: Das darf kein Einzelfall bleiben! Lange hat es gedauert, bis die Vorsätze in die Tat umgesetzt wurden, obwohl das Thema längst gefunden war:

"Verführung in den Orient"

Märchen aus 1001 Nacht, fliegende Teppiche, Kamelkarawanen, die mit Luxusgütern durch die arabi­schen Wüsten ziehen, Basare voller exotischer Gewürze und edler Stoffe, schöne Harems­damen, die mit ihrem Bauchtanz alle Blicke auf sich ziehen, das sind die westlichen Träumereien, die den Mythos Orient geschaffen haben.

Aber was ist der Orient wirklich?
Der Orient ist eine europäische Erfindung – so die übereinstimmende Grundannahme der wissen­schaftlichen Orientalismus-Debatte. Eine Konstruktion, die gleichzeitig Phantasien anregt, Sehnsüchte weckt, aber auch Furcht widerspiegelt. Rückständigkeit, Despotismus, Unterdrückung der Frau und religiöser Fanatismus ist die Kehrseite dieser Vorstellungen.
Das westliche Bild vom Orient fiel zu unterschiedlichen Zeiten je nach den herrschenden politischen, militärischen und ökonomischen Machtverhältnissen unterschiedlich aus. Auch Lage und Grenzen des Morgenlandes variierten je nach Ansicht des Betrachters.

Dieser Sachverhalt ist uns natürlich bewusst.
Wir wollen deshalb bei dem Bogen, den wir spannen – von der Türkei bis Afghanistan, vom maurischen Spanien über den maghrebinischen Raum in Nordafrika bis in das paschtunische Grenzgebiet Pakis­tans – auch der kulturellen, sprachlichen und religiösen Vielfalt dieser Länder Rechnung tragen.

Um Phantasie und Wirklichkeit in Zusammenhang zu bringen und die Komplexität des real existieren­den Orients zu begreifen, werden wir uns im Laufe des Projekts mit den Wahrnehmungsproblemen auseinandersetzen, die der Westen gerade mit der arabischen Welt seit Jahrhunderten hat, mit ver­zerrten Vorstellungen und Simplifizierungen, mit Klischees und Feindbildern. Wir wollen untersuchen, welche Faktoren im Laufe der Geschichte die Beziehungen zwischen Orient und Okzident prägten, um die aktuelle weltpolitische Konfrontation im Nahen und Mittleren Osten nachvollziehen zu können.

Schwerpunkte sind deshalb die außenpolitischen Positionen des Westens, die Politik und Gesell­schaftsordnung der dortigen Staatenwelt, die verschiedenen Richtungen des Islam, ökonomische Fra­gen und militärische Optionen. Nur so lassen sich Lösungsmöglichkeiten für dieses Konfliktfeld erah­nen, in dem sich vielleicht unsere Zukunft entscheidet.

Der "Orient vor unserer Haustür“ wird ebenfalls ein Thema sein sowie die Möglichkeiten und Grenzen der multi-kulturellen Gesellschaft in Deutschland.
Nicht nur beiläufig werden wir sicherlich feststellen, dass die Literatur des neuen Orients mindes­tens so spannend ist wie die des alten Märchen-Orient.
Unser Projekt lebt in erster Linie von der Motivation sowie dem Engagement der Schülerinnen und Schüler und den Beiträgen, die sie zusammen mit ihren Lehrkräften je nach Interessen und Vorlieben auswählen sollen und attraktiv entwickeln.

Als Anregung erhalten die Klassen und Kurse in den nächsten Tagen eine Vorschlagliste mit einer Fülle interessanter Themen, die zusammen mit den Klassensprechern des vorigen Schuljahres erstellt wurde. Sie befindet sich auch auf unserer Homepage.

In der letzten Schulwoche im Sommer 2009 feiern wir ein mehrtägiges Fest, bei dem die Klassen und Kurse ihre Projekte, die sie im Laufe des Schuljahres im Unterricht vorbereiten, den Mitschülern und Eltern präsentieren. Ein bunter Basar wird den Rahmen bilden, in dem der Orient nicht nur zu riechen sein wird, sondern auch zu "begreifen“. An jedem Abend werden in der Doppelturnhalle Kalifen und Kameltreiber, Akrobaten und Jongleure, Teppichhändler und Tänzerinnen das Publikum in die phan­tastische Welt des Orients verführen, aber auch mit der aktuellen Wirklichkeit konfrontieren.

Damit alle Präsentationen das ihnen gebührende Publikum finden, verteilen wir die einzelnen Themen­bereiche und Veranstaltungen über das Schuljahr.

Ein vorläufiger Programm-Ausschnitt:

Das ist nur eine kleine Auswahl von Beiträgen und Veranstaltungen, die uns schon bekannt sind. Wel­che Ideen die einzelnen Klassen entwickeln werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch offen. Auf unserer Homepage (www.siemensgymnasium.de) finden sich alle weiteren Informationen.

In welchem politischen, ökonomischen sowie sozialen, historischen und aktuellen Spannungsfeld unser Projekt angesiedelt ist, lässt sich erst genauer ermessen, wenn man die
Geschichte der wechselvollen und widersprüchlichen Beziehungen zwischen Orient und Okzident betrachtet, die Jahrtausende zu­rückreicht.

Die folgenden Ausführungen sind als Einführung gedacht in die vielfältigen Aspekte unseres Themas und als Orientierung für die Schüler bei der Entwicklung und Umsetzung ihrer Teilprojekte.

Der alte Orient, die Gegend des Fruchtbaren Halbmonds  zwischen Mittelmeer und  Euphrat und Tigris, gilt als Wiege der Zivilisation. Hier entstanden 4000 Jahre vor Christi Geburt die ersten Stadtstaaten und mit ihnen die sesshafte, arbeitsteilige Gesellschaft.

Nach der Ausbreitung des Islam in den Mittelmeerraum bis nach Spanien wechselten kriegerische Auseinandersetzungen mit friedlichen Phasen des Handels- und Kulturaustausches. Der Westen profi­tierte von dem Wissenstransfer auf vielen Gebieten: der Mathematik und Chemie, der Medizin, Astro­nomie und Philosophie sowie der Waffentechnik.
Zwar wurde die Bedeutung der arabischen Wissenschaften später vom Westen anerkannt, jedoch meist als bloße Vermittlung griechischen Wissens bagatellisiert, aber ein sehr großer Teil des Erbes der griechischen Antike wäre ohne die arabische Vermittlung spurlos untergegangen.

Es war ausgerechnet das christliche Europa, das sich nach der Reconquista, der Rückeroberung Spa­niens und Siziliens, in einem Anfall unchristlichen Fremdenhasses, Verblendung und Gier anschickte, mittels der Kreuzzüge Jerusalem von "Ungläubigen und Heiden“ zu befreien und den Islam zum abso­luten Feind des Christentums zu stilisieren. Die Folgen sind bis heute spürbar.

Obwohl diese Feldzüge letztendlich militärisch ein Desaster waren, profitierte der Westen wirtschaftlich – allen voran die italienischen Hafenstädte – von der Beherrschung der Handelsrouten und dem Import ungeahnter Luxusartikel: Farbenprächtige Teppiche, Damast, Musselin und Seide, Damaszener Klin­gen, Porzellan und Glas. Auch die europäische Küche und Esskultur kam in den Genuss von orientali­schen Gewürzen wie Muskat, Pfeffer, Safran, Zimt und Zucker und übernahm den Gebrauch von Mes­ser und Gabel.

Ab dem 13.Jahrhundert hatten die Osmanen das arabische Reich übernommen, im Jahr 1453 Konstantinopel erobert und waren über den Balkan bis nach Ungarn vorgedrungen Die Ängste der Europäer während der zweimaligen Belagerung Wiens führten zu gemeinsamen Anstrengungen zur Abwehr der Türken und schufen dann in den nächsten Jahrhunderten ein politisch-ökonomisches und kulturelles System in Europa, das sich nun – nicht zuletzt in technisch-wissenschaftlicher Hinsicht dem muslimischen Orient überlegen zeigte.

Interessant wird es in diesem Zusammenhang sein, eine Antwort zu finden auf die Frage, welche Fak­toren – u.a. im Wissenschafts- und Bildungsbereich – dafür verantwortlich waren. Welche Folgen z.B.  die Verbannung der Frauen in die private Sphäre und damit in eine untergeordnete soziale Rolle für Leistungsfähigkeit und Kreativität einer Gesellschaft hat. Was Orient und Okzident voneinander hätten lernen können, ohne die eigene Tradition aufzugeben, statt sich vorwiegend über Feindbilder abzugren­zen. Fragen, die übrigens ebenso auf die globalisierte Moderne zutreffen.

Nach der endgültigen Abwehr der türkisch-osmanischen Gefahr 1683 vor Wien verlor der Orient seinen Schrecken und es begann eine lange Periode der Neugier für alles Exotische. Der Westen war faszi­niert von der orientalischen Prachtentfaltung, dem märchenhaften Luxus und der verlockenden Sinn­lichkeit. Die 1704 zum ersten Mal in Europa publizierten "Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht“ trafen als erotische Geschichten den Nerv der Zeit: Sehnsüchte, die der "prüde“ Westen nicht erfüllte. Im 18. Jh. war Tausendundeine Nacht nach der Bibel die beliebteste Lektüre in Europa. Sie lösten ei­nen riesigen Orient-Boom aus. Zu artigen Kindermärchen wurden sie erst viel später umgeschrieben.

Die Orientschwärmerei fand zudem ihren Niederschlag in einer Vielzahl von Opern, in der Malerei, Lite­ratur und Architektur sowie in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Orient.

Das Interesse der Europäer an türkischer Kultur und orientalischen Sitten mündete in eine schwärmeri­sche Begeisterung, die Turkomanie. An deutschen Fürstenhöfen und im großbürgerlichen Alltag galt die Türkenmode als besonders chic. Man feierte türkische Feste, richtete sich orientalisch ein, trank türkischen Mokka mit viel Zucker, hielt sich Mohren als Sklaven, kleidete sich mit orientalischen Ge­wändern und ließ sich so porträtieren. Man verspeiste sogar die Zwiebeln der aus der Türkei einge­führten äußerst wertvollen Tulpen.

Auf die neue Offenheit gegenüber dem Fremden zeigte sich in der Epoche der Aufklärung in dem Be­mühen, das Andersartige nicht nur wahrzunehmen, sondern es auch zu verstehen.Leider verkam diese positive Einstellung dem Fremden gegenüber noch vor dem Ersten Weltkrieg zu einer aggressiv-expansiven imperialistischen Herrschaftsideologie und führte schließlich zur Koloni­alisierung Afrikas und des Orients.

Diese Feindschaft erreichte nach dem Krieg einen vorläufigen Höhepunkt, als den Arabern nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs von Engländern und Franzosen ein unabhängiger National­staat verwehrt wurde und steigerte sich nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Errichtung des Staates Israel zu einem Hass, der im Nahen und Mittleren Osten zu mehreren Kriegen führte – und bis heute zu einer nicht lösbar scheinenden Konfrontation "zwischen den Kulturen“.

Damit ist der Rahmen für unser Projekt abgesteckt und die Problematik angerissen.

Nun sind wir gespannt, wohin uns der Orient-Express führt. Es wird sicherlich keine bequeme Reise, sondern eher eine anstrengende, aber spannende Exkursion. Am Ziel erwartet uns hoffentlich große Freude und Zufriedenheit über die von der ganzen Schule gemeinsam gemeisterte Herausforderung und vielleicht sogar die Einsicht, dass Orient und Okzident sich näher sind, als man oft denkt.

Wir rechnen mit euerem Enthusiasmus und euerer Einsatzbereitschaft, liebe Schülerinnen und Schüler, danken dem Elterbeirat für sein Engagement und freuen uns, wenn wir Ihre Neugierde, verehrte Eltern, geweckt haben, und Sie zur Teilnahme an möglichst vielen Veranstaltungen bewegen oder sogar zur tatkräftigen Mitarbeit animieren könnten. Für Anregungen wären wir Ihnen dankbar und beim Kochen, Schreinern, Schweißen und Schneidern könnten wir Ihre Unterstützung gut gebrauchen.



Letzte Aktualisierung am 13.11.08